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Wie sehen Japaner Deutschland?

Für viele Japaner ist Deutschland weniger ein glamouröses Land, von dem man träumt, sondern eher ein Land, das irgendwie zuverlässig wirkt.

Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Japaner in Deutschen manchmal etwas sehen, das ihnen selbst ein wenig vertraut vorkommt.

Ernsthaft. Pünktlich. Regelbewusst. Sorgfältig bei der Arbeit. Und mit dem Anspruch, Dinge ordentlich zu machen.

Natürlich heißt das nicht, dass alle Deutschen tatsächlich so sind. Trotzdem sind solche Vorstellungen in Japan ziemlich stark.

Besonders deutlich zeigt sich dieses Bild beim Auto.

In Japan wird Mercedes-Benz bis heute oft einfach „Benz“ genannt. Auch BMW, Audi, Porsche und Volkswagen sind sehr bekannt.

Und wenn Japaner an deutsche Straßen denken, fällt vielen auch die Autobahn ein.

In Japan ist sie stark mit der Vorstellung einer Autobahn ohne Tempolimit verbunden, auch wenn in Wirklichkeit längst nicht alle Abschnitte unbegrenzt sind. Trotzdem gehören Autobahn und deutsche Autos im japanischen Bild oft zusammen und verstärken den Eindruck, dass Deutschland Fahrzeuge baut, die auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten stabil bleiben.

Selbst wer kein deutsches Auto besitzt, verbindet Deutschland häufig mit Technik, Industrie und hochwertiger Fertigung.

Beim Essen ist das Bild viel einfacher.

Viele Japaner denken bei Deutschland sofort an Bier und Würstchen. Auch bei deutschen Festen und Veranstaltungen in Japan gehört diese Kombination fast selbstverständlich dazu.

Doch deutsche Kultur begegnet Japanern auch an einer viel unerwarteteren Stelle.

Ein gutes Beispiel dafür ist Beethovens Neunte Sinfonie.

Beethovens Name und die Melodie der „Ode an die Freude“ sind in Japan sehr bekannt. Besonders auffällig ist jedoch, dass die Neunte zum Jahresende überall im Land aufgeführt wird, oft auch mit großen Laienchören, an denen ganz normale Menschen teilnehmen.

Dabei fragen sich viele Japaner selbst: „Warum hören wir eigentlich jedes Jahr am Jahresende die Neunte?“

Die erste vollständige Aufführung von Beethovens Neunter in Japan fand 1918 im Kriegsgefangenenlager Bandō im heutigen Naruto in der Präfektur Tokushima statt. Aufgeführt wurde sie von deutschen Kriegsgefangenen, die dort während des Ersten Weltkriegs interniert waren.

Wie sich daraus später die japanische Gewohnheit entwickelte, die Neunte zum Jahresende aufzuführen, lässt sich nicht auf einen einzigen Grund zurückführen. Dafür gibt es mehrere Erklärungen.

Trotzdem ist „die Neunte zum Jahresende“ heute zu etwas geworden, das fast wie eine japanische Jahresendtradition wirkt.

Für Deutsche mag das etwas ungewöhnlich klingen. Für Japaner ist Beethoven jedoch nicht nur ein großer deutscher Komponist, den man in der Schule kennenlernt. Irgendwie ist er auch Teil der japanischen Jahresendstimmung geworden.

Auch der Fußball hat Deutschland für viele Japaner näher gebracht.

Deutsche Nationalspieler wie Franz Beckenbauer, Oliver Kahn und Miroslav Klose sind auch in Japan sehr bekannt.

Besonders vertraut ist vielen Japanern die Bundesliga, weil dort im Laufe der Jahre zahlreiche japanische Spieler aktiv waren.

Yasuhiko Okudera gehörte zu den ersten japanischen Profifußballern, die in Europa erfolgreich spielten.

Später feierte Shinji Kagawa große Erfolge bei Borussia Dortmund, während Makoto Hasebe viele Jahre in Deutschland spielte.

Manche japanischen Fußballfans lernten Vereine und Städte wie Bayern München, Dortmund oder Frankfurt überhaupt erst dadurch näher kennen, dass sie japanischen Spielern folgten.

Deutschland gilt deshalb nicht nur als „starke Fußballnation“. Es ist auch als ein Land bekannt, in dem japanische Spieler immer wieder den Schritt nach Europa gewagt und zum Teil lange Karrieren aufgebaut haben.

In der Schule begegnen Japaner noch einem ganz anderen Deutschland.

Die neuere europäische Geschichte, die beiden Weltkriege, das nationalsozialistische Deutschland und die Berliner Mauer sorgen dafür, dass Deutschland im japanischen Geschichtsunterricht immer wieder auftaucht.

Deutschland ist für Japaner deshalb kein Land, das sie erst durch Reisen kennenlernen.

Es ist mit schweren historischen Erinnerungen verbunden, während das heutige Deutschland zugleich über Autos, Industrie, Musik und Fußball wahrgenommen wird.

Durch all diese unterschiedlichen Berührungspunkte verbinden viele Japaner Deutschland mit Gewissenhaftigkeit, technischem Können und dem Gefühl, dass Deutsche ihnen in mancher Hinsicht ein wenig ähnlich sind.

Natürlich ist das nur ein Bild aus japanischer Sicht.

Trotzdem empfinden viele Japaner gegenüber Deutschland sowohl Respekt als auch eine gewisse Vertrautheit.

Quellen

  • Japanisches Außenministerium, „Grunddaten zur Bundesrepublik Deutschland“ und „Beziehungen zwischen Japan und Deutschland“
  • Materialien der Deutschen Zentrale für Tourismus
  • Materialien zur deutschen Automobilindustrie und zur Autobahn
  • Materialien zu Beethovens 9. Sinfonie und zu Jahresendaufführungen in Japan
  • Stadt Naruto, Präfektur Tokushima, Materialien zum Kriegsgefangenenlager Bandō
  • Materialien zur Bundesliga und zum deutschen Fußball
  • Materialien zu Yasuhiko Okudera, Shinji Kagawa und Makoto Hasebe
  • Materialien zur deutschen Zeitgeschichte und zur Berliner Mauer
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